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 Weihnachtserlebnis

 

Eigentlich hätte sie den weiten Weg ins Elsass nicht antreten dürfen, als sie am Morgen aus dem Fenster gesehen hatte, wie bereits die ersten Schneeflocken fielen. Aber es war Heilig Abend und sie wollte unbedingt mit ihren Freunden feiern. Die wohnten abseits jeder Zivilisation auf einem entlegenen Bauernhof im Elsass. Der Weg zu ihnen führte über weite Strecken auf der Autobahn, der Landstraße und schließlich durch den Wald hinauf auf den Berg.

Stockdunkel war es bereits, als sie an die Stelle kam, wo sie auf den breiten Waldweg abbiegen musste. Angestrengt saß sie hinter dem Lenkrad und starrte auf die wenigen Meter, die die Scheinwerfer vor dem Auto erhellten. Ein weites Stück schon war sie in den Wald gefahren und der Ärger über sich selbst war verdrängt. Vergessen waren die Gefahren auf der Autobahn und der Landstraße. Sie wollte sich jetzt nur noch auf den Abend mit den Freunden freuen und dachte an die teuren Geschenke auf dem Rücksitz. "Jetzt nur noch den Berg hinauf, dann bin ich da."

Auf einmal drehten die Räder auf dem Schnee durch und der Motor schaffte es nicht mehr durch die hohen Schneewehen. Das Auto blieb mitten im Wald stehen. Es gab kein Vor und kein Zurück mehr. Elli drückte aus Zorn und Verzweiflung wie wild auf die Hupe in der Hoffnung, dass die Freunde sie hören werden. Sie wartete eine Weile und als sie sich besonnen hatte, stieg sie schließlich aus dem Auto. Sie spürte die durch den Schnee gedämpfte Stille um sich herum. Es wurde ihr unheimlich. Sie ängstigte sich, ihr Herz klopfte wild und noch einmal hupte sie in die Stille des Waldes hinein immer in der Hoffnung, die Freund würden sie hören. Die Fichtenkronen bewegten sich im Wind sanft hin und her. Wie in überlegener Gleichmütigkeit, denn Elli zitterte am ganzen Leib vor Angst und Kälte. Elli nahm allen Mut zusammen und wollte den vermeintlich richtigen Weg geradeaus zu Fuß gehen, als sich ein flackerndes Licht auf sie zubewegte. Jemand mit einer Stalllaterne in der Hand, kam auf sie zu.

"Hallo, hier bin ich", rief sie verzweifelt und gleichzeitig erfreut. Tränen rannen über ihr Gesicht und Elli lief, mehr stolpernd auf die Laterne zu.

"Sind Sie der Arzt", rief ihr jemand entgegen. Nein, das war nicht die Stimme des Freundes. Elli verhielt sich ruhig und wartete, bis der Mann vor ihr stand. In der Hand hielt er an der Leine einen Hund, der unruhig daran zerrte. In der anderen Hand hielt er die Laterne hoch. Die warf eigentümliche Schatten auf sein dunkles, bekümmertes Gesicht, seine Miene war todernst.

"Nein, ich suche meine Freunde auf dem Bauernhof oben auf dem Berg", antwortete Elli und nannte deren Namen. "Die sind auf der anderen Seite des Berges. Sie haben die falsche Einfahrt genommen", fuhr er mit ruhiger Stimme fort.

Elli schrie den Mann zornig an, als ob er Schuld an ihrem Missgeschick hätte: "Was soll ich denn jetzt tun? Mein Auto ist im Schnee steckengeblieben." Unbeirrt sieht er sie an: "Zu ihren Freunden kommen sie heute Nacht bei dem Schneegestöber nicht mehr. Es ist noch weit. Kommen Sie erst einmal mit zu uns, dann sehen wir weiter."

Bevor Elli antworten konnte, drehte sich der Mann um und stapfte vor ihr den Berg hinauf. Der Hund hatte sich inzwischen beruhigt und hüpfte neben ihm durch die Schneewehen. Was blieb Elli anderes übrig, als ihm zu folgen. "Immerhin ein menschliches Wesen in dieser unheimlichen Einöde", dachte sie mürrisch und gleichzeitig sann sie darüber nach wie sie sich wehren könnte, falls......weiter wollte sie nicht nachdenken.

"Hatten Sie einen Arzt erwartet"? fragte Elli vorsichtig. "Eigentlich nicht, denn der war heute Morgen schon hier. Aber Ihr Gehupe hat mich irritiert und ich musste nachsehen."

Wortlos stapfte Elli hinter dem Mann her und bald kamen sie an ein kleines Bauernhaus.

"Ich bringe jemanden mit, hab keine Angst", rief der Mann ins Haus hinein, als sie durch eine niedrige Tür eintraten. "Sie hat die Einfahrt auf der anderen Seite des Berges zu ihren Freunden verfehlt", erklärte er weiter, während er stöhnend seine Stiefel auszog. Dann führte er Elli in eine kleine Kammer.

Kalt war es in dem Raum. Nur eine kleine Flamme loderte im Kamin. Ein düsteres und fahles Licht von einer einzigen Birne an der Deck, erhellte ein wenig das Zimmer. Nichts, was an Weihnachten, das Fests der Freude und Hoffnung erinnerte. In der Mitte des Raumes stand ein Bett. Eine Frau lag darin. Aus fieberglasigen Augen blickte sie in die Richtung, aus der sie die Stimme des Mannes vernommen hatte. Vorsichtig trat Elli an das Bett der alten Frau.

"Sie ist blind und sehr krank. Sie wird sterben", flüsterte ihr der Mann leise ins Ohr. Elli erschrak und am liebsten wäre sie ihrem spontanen Impuls gefolgt und sofort weggelaufen. Die unruhig hin- und her flatternden Pupillen der alten Frau hielten sie fest. Tiefe Falten durchzogen das Gesicht der Frau und die Lippen waren wie zu einem Strich zusammengefallen. Elli packte Schauer und Entsetzen. Noch nie hatte sie einen sterbenden Menschen erlebt. Sie dachte augenblicklich an ihre geliebte Großmutter, die im vergangenen Jahr einsam im Krankenhaus verstorben war.

Der Mann stellte einen Stuhl neben Elli. Wie im Trance setzte sie sich und ließ die Sterbende keinen Augenblick aus den Augen. Auf einmal traten ihr Tränen in die Augen. Als würde sie es nicht selbst getan haben, ruhten ihre Hände auf den kalten Händen der Sterbenden. Vorsichtig reichte ihr der Mann eine Tasse Tee und mit leiser Stimme bat er: "Bleiben Sie diese Nacht hier."

Elli spürte auf einmal, wie ihre Anwesenheit unumgänglich war. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass sie in diesem Moment nirgendwo anders sein wollte, als an diesem Ort. Einen Augenblick lang schämte sie sich für ihre argwöhnischen Gedanken von vorhin. Dann erinnerte sie sich, dass Weihnachten war und nach einer Weile fragte sie zögernd, ob sie singen dürfe. Der alte Mann nickte stumm mit dem Kopf. Als Elli mit leiser und zarter Stimme begann "Stille Nacht, heilige Nacht" zu singen, stimmte der Alte mit gebrochener Stimme ein. Als das Lied zu Ende war, legte der Mann ein Legendenbuch auf das Bett der todkranken Frau.

"Vielleicht lesen Sie etwas vor" bat er Elli. "Ich kann nicht mehr so gut sehen, aber meine Schwester und ich hören die Weihnachtsgeschichte heute gerne." Das Buch war sehr alt und abgegriffen. Der Mann stellte die Stalllaterne neben Elli auf einen kleinen Tisch. Ehrfürchtig nahm sie das schwere Buch, öffnete es und mit ruhiger Stimme las sie die Weihnachtgeschichte, während die alte Frau in ihrem Bett und der alte Mann auf einem Hocker tief versunken lauschten. Als Elli zu Ende gelesen hatte, richtete sie ihren Blick auf die sterbende Frau. Sie lauschte auf ihren Atem, der wie eine flüsternde Stimme die Stille des Raumes füllte. Der Mann setzte sich auf die andere Seite des Bettes und schweigend erwarteten sie, was geschehen würde.

Elli hatte kein Gefühl mehr für Zeit. Es musste in den Morgenstunden gewesen sein, als die alte Frau schließlich ein letztes Mal ausatmete. Auf ihrem Gesicht lag ein Lächeln wie aus einer anderen Welt. "Sie ist sanft eingeschlafen und Sie haben ihr noch einmal ein große Freude bereitet", sprach der Mann und drückte der Toten sanft die Augen zu.

Unmerklich hatte der neue Tag begonnen, als es auf einmal laut klopfte. Wie gerade aus einem Traum erwacht, schlürfte der Mann zur Tür und öffnete sie. Draußen standen zwei Polizeibeamte: "Wir suchen eine junge Frau, die heute Nacht von ihren Freunden als vermisst gemeldet worden ist. "Elli umschloss mit ihren Händen noch einmal die kalten Hände der toten Frau. Dann stand sie auf, ging zu dem alten Mann und nahm ihn in die Arme. "Danke", hauchte dieser und Beiden rannen Tränen über die Wangen.

Als Elli neben den beiden Polizisten durch die weiße Winterlandschaft zu ihrem Auto lief, blitzte durch die Wipfel hell die Morgensonne und brachte die Schneekristalle zum Glitzern. Überwältigt von der Schönheit des Anblicks hatte sie auf einmal das Gefühl, etwas zu verstehen von dem Gesetz des Wandels, dem Grauen und den Tod unter der glitzernden Schönheit.

Sie freute sich, ihre Freunde zu sehen und mit ihnen noch zwei Tage in dieser wundervollen Schneelandschaft zu verbringen. Aber für den nächsten Sommer nahm sie sich vor, den alten Mann zu besuchen und ein warmes Gefühl schlich sich in ihr Herz.